Schöne neue Welt

  • 069.04857, New Caprica

    (rund eineinhalb Wochen nach TC 14)


    Strömender Regen hatte den Boden des provisorischen Zeltlagers aufgeweicht, und aus der ehemals grünen Wiese war ein unansehnlicher brauner Schlammplatz geworden. Es herrschte eine seltsame, angespannte Stimmung unter den rund achtzig Menschen, die man hier zusammengetrieben hatte, um sie für den Anfang besser im Blick zu haben. Obwohl die zahlreichen ehemaligen Crewmitglieder der gestrandeten Iason sich zwischen den Zelten bewegten und diversen Tätigkeiten nachgingen, herrschte beinahe Stille, nur unterbrochen von gelegentlichen, kurzen Unterhaltungen mit gesenkter Stimme. Niemand wollte Aufmerksamkeit auf sich lenken und allzu sehr auffallen, nun wo selbst dem letzten, optimistischsten Piloten und der fröhlichsten Deckhand klar geworden war, dass sie wirklich verloren hatten und das Leben sich nun in den von Omega diktierten Bahnen abspielen würde.


    Begleitet von einigen Centurios und zwei menschlichen Soldaten marschierte die neu ernannte Lieutenant Ryback erhobenen Hauptes und mit versteinerten Gesichtszügen über den Platz, zielgerichtet auf ein an dessen Stirnseite stehendes Zelt zu. Der blanke Hass, welcher der Soldatin von den Leuten entgegen gebracht wurde, die noch vor wenigen Tagen ihre Kameraden und Freunde gewesen waren, schlug ihr förmlich entgegen. Vor dem Zelt angekommen bedeutete sie den Centurios mit knappen Gesten stehen zu bleiben und in einem lockeren Kreis um die Freifläche herum Aufstellung zu nehmen. Einer der Soldaten schlug mit der flachen Hand gegen die Plane des Zelteingangs und Ryback forderte laut und weithin hörbar: "Sellars, kommen sie raus!" Im Inneren legte Kalliope das Buch zur Seite, in dem sie gerade gelesen hatte, und kam mühsam auf die Beine. Die Behandlung durch Meinhard hatte Spuren hinterlassen, mit denen sie immer noch zu kämpfen hatte. Schlimmer war aber der Verlust der Iason und aller sinnstiftenden Tätigkeiten. Sie hatte gehofft, dass die Centurios vorbei gehen und jemand anderen terrorisieren würden, aber als sie Rybacks Stimme hörte, wurde ihr kalt. „Ja, ich komme.“, rief sie hustend und schlich langsam zum Zeltausgang. Blinzelnd starrte sie ins Licht und zu der Marine. „Sir?“, fragte sie emotionslos. Ryback packte sie wortlos am Arm, zerrte sie einige Schritte vom Zelt weg und beförderte ihre ehemalige Vorgesetzte unsanft auf die Knie.


    Um die Szene herum hatte sich sehr schnell ein großer Kreis an Zuschauern gebildet, von denen nicht gerade wenige Werkzeuge wie Waffen ergriffen hatten. Die Centurios drehten sich mit mechanischem Surren zu den Menschen um, bereit, diese nötigenfalls gnadenlos zurückzutreiben. Sellars sank leise stöhnend in den Schlamm und legte ziemlich ungelenk die Arme hinter den Kopf. Die beiden Soldaten betraten derweil das Zelt und begannen, dieses gründlich zu durchwühlen. Sellars ärgerte sich augenscheinlich, dass man ihr die Schmerzen ansehen musste und lenkte ihren Blick ins Leere. Einige Kisten wurden nach draußen gebracht und dort ausgekippt, um sie einfacher durchsuchen zu können. Das angefangene Buch landete achtlos im Dreck und verschwand kurz darauf unter dem Fuß eines Centurios. Sellars seufzte leise, als sie im Augenwinkel sah, wie man das Wenige an ihrer persönlichem Habe in den Schlamm verteilte. Ihr Blick suchte nach Ryback und streifte über Skenes. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht, in der Hoffnung, dass es der Chief sehen würde. Das hier war doch nur Theater. Skenes stand nahe des Zeltes in der ersten Reihe der schweigenden Zuschauer, presste ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und versuchte, ihre Faust zu entspannen. Sie sah zu, ohne das in den Schlamm getretene Buch aus den Augen zu verlieren, und versuchte gleichzeitig, so zu tun als sei Sellars einfach nur irgendwer in der Masse der ach so glücklichen Omega-Siedler.


    Ryback sah eine Weile schweigend bei der Durchsuchung zu, das Gesicht eine undurchdringliche die Maske, die früher für Terroristen und ähnliches Pack reserviert gewesen war. Sie raunzte den ehemaligen Commander schließlich an: "Wo sind Hayes und die anderen?" "Das weiß ich nicht, Sir.", Sellars schaute blinzelnd zu dem Offizier der New Caprica Security hoch und versuchte ihre Miene so gleichgültig wie möglich aussehen zu lassen. Die Marine schnaubte unwillig und setzte ein unechtes, wenig freundliches Lächeln auf. "Nein, natürlich nicht. Sie wollen mir wirklich erzählen, dass sie nichts mit den Leuten zu tun haben, die Omegas Angebot abzulehnen beschlossen haben?" Einer der Soldaten näherte sich und hielt Ryback einen Stapel Papier hin, augenscheinlich diverse private Briefe. Sie nahm das Bündel zunächst ohne hinzusehen entgegen. "Nein, Sir. Das habe ich nicht gesagt. Natürlich hatte ich bis zur Übergabe der Iason Kontakt zu meinem XO. Aber wir sind jetzt keine Soldaten der Colonial Forces mehr. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wo sich Mr. Hayes befindet und was er macht." Kalliope wusste, dass es ein Fehler war. "Aber er hat ja schon früher Dinge ohne meine Kenntnis getan.“ Ryback holte aus und versetzte Sellars einen Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht. "Oh, was glauben sie denn, was Hayes gerade tut?"


    Ein paar Meter entfernt sog Skenes die Luft hart ein und starrte dann nach vorn. Sie hasste diese Situation und sie hasste es noch mehr, dass sie immer nur daneben stehen konnte. Vielen ging es so, der Unruhe in der hilflos starrenden Menge nach zu urteilen. Aber sie alle wussten es besser und niemand wollte in Anbetracht der nach wie vor reglos wachenden Centurios den Helden spielen.


    Sellars biss die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schmerzenslaut, trotzdem wurde ihr kurz schwarz vor Augen, als die heftige Ausweichbewegung die verheilenden Rippen bewegte. Sie atmete hastig ein und aus und rappelte sich wieder hoch. "Sich einen schönen Platz zum zelten suchen?", sie schaute den Security-Officer trotziger an, als gut war. Aber sie war nie gut darin gewesen, die Klappe lange genug zu halten, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. "Ich weiß es nicht, Sir. Ich spekuliere nicht sehr gerne über die Beweggründe ehemaliger Untergebener." Skenes machte einen halben Schritt nach vorn, nur um sich sofort zu maßregeln. Nur nicht auffallen, um es noch schlimmer zu machen.


    Anstelle weiterer Schläge begann Ryback damit, demonstrativ die Briefe durchzusehen. Viele davon waren deutlich älter, ein recht neuer stach aber alleine schon wegen der Farbe des Papiers ins Auge. Sie überflog die von Herzchen und Blümchen umrahmten Zeilen. "Liebe Kal... ihr fehlt mir alle sehr.... Du natürlich besonders... hätte ich dir schon zum Eros-Day geben wollen..." las sie laut vor. Sellars wusste gar nicht, dass sie sich gerade so schnell bewegen konnte. Sie stand bereits, bevor sie einen klaren Gedanken gefasst hatte. "Ich denke, dass es reicht, Staff Sergeant.", sagte sie kühl. "Das hier hat nichts mit Captain Hayes und ihren Fragen über ihn zu tun!" Sie langte nach dem Brief in der Hand der Special Forces Soldatin, Tränen der unterdrückten Wut in den Augen. Ryback ließ, wohl von dem plötzlichen Kommandoton irritiert, erst mit etwas Verzögerung die Briefe fallen, packte dann aber ansatzlos Sellars Hand, drehte ihr mit einem harten Ruck den Arm auf den Rücken und rammte ihr ein Knie in den Bauch. "Wir sind nicht mehr auf der Iason," teilte sie dem ehemaligen Commander und insbesondere auch den Umstehenden laut mit. "Aber keine Sorge, sie sehen 'Cathy' bald wieder."


    Skenes erstarrte und beobachtete ungläubig die Szene. Frak! Es war ein Alptraum für sie, nicht eingreifen zu dürfen und dennoch hätte sie Ryback in diesem Moment am liebsten eine Faust ins Gesicht geschlagen. Abgesehen von Skenes gab es noch einige zornige Gesichter und geballte Fäuste. Irgendwo weiter hinten wurde ein metallischer Gegenstand in eine offene Hand geschlagen.


    Kalliope hörte indessen, wie jemand schrie, bis sie merkte, dass sie es selbst war und stürzte hart in den kalten Schlamm. Schmerz schwemmte jeden klaren Gedanken aus ihrem Verstand und sie starrte verschwommen auf den Boden. Sie sah, wie der Brief in den Dreck sank, das zarte Rosa mit dem Schlamm verschmolz. Nein, nicht Cathy, brüllte sie. Roberts Schwester hatte nichts, aber auch gar nichts mit der ganzen Sache zu tun. Tränen liefen über ihr Gesicht. "Bitte nicht.", murmelte sie leise zu Ryback. "Das hängt von ihnen ab", antwortete diese eisig und wandte sich ab.


    Nur durch Zufall entging sie so einem heranfliegenden Stein. Viel schneller, als irgendwer reagieren konnte, schritt einer der Centurios in die Menge und zog dem als Angreifer identifizierten Crewman die metallenen Klauen über Gesicht, Hals und Brust. Die Menge zuckte kollektiv zusammen, als der Mann zusammenbrach und die Blicke, die Ryback trafen, waren womöglich schlimmer als der Stein es hätte je sein können. Diese sah derweil mit zusammengebissenen Zähnen dabei zu, wie ihre Centurios die nun wieder sehr stumme und durch den blutigen, brutalen Tod des Angreifers schockierte Menge weiter zurückdrängte. Selbst die Marine wirkte entsetzt, denn das hatte sie nicht im Sinn gehabt, als sie die Maschinen angewiesen hatte, nur auf ihren ausdrücklichen Befehl hin zu schießen. Offenbar musste sie erheblich genauere Anweisungen geben, was eine akzeptable Reaktion auf aufbegehrende Menschen war. Auf ihre aufbegehrenden Freunde und Kameraden. Sie schluckte hart und befahl knapp die Soldaten zu sich, ehe sie ohne weitere Worte, abgeschirmt von den wieder reglosen Centurios, den Platz verließ.


    Skenes drängte sich im Chaos vor und las das Buch, den Brief und weitere Papiere auf, als wäre das irgendeine Aufgabe. Sie hielt den Blick gesenkt, um Tränen des Zorns zu verbergen. Zumindest wusste Sellars, wann sie liegen bleiben sollte. Sie hätte es ohnehin nicht wirklich auf die Füße geschafft. War das jetzt ihr Leben? Die Demütigung des Monats, damit die Crew nicht aufbegehrte? Damit sie das Knie vor Omega beugte? Sie dachte an ihre trotzigen Worte und fragte sich wie lange es dauern würde, bis sie wirklich brach. Es war keine Frage mehr des ob, sondern nur noch des wann. Entfernt nahm sie eine Bewegung war und tastete mit einer Hand nach dem Brief, bevor er von der Menge zertreten werden konnte. Octavia berührte sehr kurz die Hand Sellars' und flüsterte leise: "Ich kümmere mich darum, Sir", dann griff sie behutsam nach dem Brief. Flackernd glitt Kalliopes Blick zu Skenes und sie nickte dankbar. "Ich bin kein Sir mehr", nuschelte sie verschwommen und ließ den Kopf wieder in den kühlen Schlamm sinken. Skenes versuchte ein Lächeln, das ihr im Halse stecken blieb. "Ja, Sir", flüsterte sie beinahe trotzig und nahm den Brief an sich als wäre er ein Kleinod. Skenes wartete, bis Ryback und ihre verfluchten Centurios sich endlich abwandten, erst dann beugte sie sich vor und bot Sellars ihre Hand an. "Es ist vorbei... für den Moment, Sir. Lassen Sie mich Ihnen helfen." Kalliope griff dankbar nach der Hand. Stöhnend und qualvoll langsam kam sie wieder auf die Beine. Ihr Blick glitt zu der Leiche des Crewmann. "Oh nein, Specialist Tiernan.", murmelte sie traurig. Sie würde seinen Namen später in eines ihrer Notizhefte schreiben. Ohne den viel kleineren Chief zu fragen, stützte sie sich schwer auf sie und atmete ein paar Mal flach ein. "Ich glaube, dass ich jetzt alleine klar komme, Skenes.", ihre Stimme klang bemüht nüchtern. "Danke Ihnen." Skenes nickte und machte keine Anstalten, von der Seite ihres Commanders zu weichen. "Ich bringe Sie in Ihr Zelt, Sir. Der Doc hat heute Nachmittag für Sie Zeit."

  • 057.04857, Defender Iason

    (Am letzten Conabend)


    Die anderen Marines aus Nalims Zimmer waren wie üblich weit länger als sie in der Messe, am Feiern. Doch ihr war nicht danach zumute. Ein paar Stunden in cylonischer Gewalt hatten sie damals fast gebrochen und jetzt sollten sie sich denen unterwerfen? Sie hatte die Rückkehrer von der Liste gesehen und fand in so manchen Augen was sie selber empfunden hatte und nie mehr erleben mochte. Die Worte des PFC von Sagittaron rumorten in Nalims Kopf "als erstes holen sie die Waffen" und ließen sie in der Dunkelheit nicht zur Ruhe kommen. Sie wusste, sie hatte die Bestandlisten korrekt geführt und wenn sie jetzt noch etwas beiseite schaffen würde, würde es auffallen und Fragen geben. Sehr unangenehme Fragen. Und sie würde über jede fehlende Waffe Auskunft geben müssen. Egal ob sie auf dem Weg zur Dekontamination verloren gegangen war oder ein Pilot sie verbummelt hatte. Und sie würde dafür bezahlen.

    Was danach folgen würde, entzog sich ihrer Vorstellungskraft. Doch eines war Nalim klar, dieses Leben, oder eher Dahinvegetieren, würde sie nicht ertragen. Doch was tun? Alleine in die Wälder? Überleben würde sie, keine Frage. Sie hatte sich lange genug in der Natur aufgehalten und die Temperaturen hier waren sommerlich gegenüber denen die im Eisgebirge vorherrschten. Aber war das ein lebenswertes Leben? Ein Leben für das zu viele Menschen gefallen waren um etwas Besseres zu erreichen? Damit nicht jedes dieser Leben sinnlos geopfert worden war, musste der Kampf weiter gehen. Wer war noch bereit zu kämpfen und würde den Weg mitgehen? Vielleicht war es besser erstmal zum Schein mitzuspielen, die Lage von innen erkunden und während dieser Zeit die Seele wegsperren und hoffen dass die Demütigungen keine Spuren hinterließen...


    Dennoch, am Tag X wären sie froh über alles was ihnen nützen könnte. Und das würden die Cylonen ihnen die nächsten Tage alles wegnehmen. Was konnte sie jetzt noch vom Schiff in die nächste Umgebung schaffen ohne dass ein Fehlen Aufmerksamkeit erregen würde? Spind und Waffenkammer... Sie zog sich ihren Freizeitpulli über und machte sich auf den Weg zum Mardet. Dass sie spätabends dort noch aufzufinden sein könnte, machte ihr keine Sorgen. "Die Waffe in die Waffenkammer bringen bevor ich Alkohol trinke." war mehr als eine Ausrede und gelebte Wahrheit, die jeder bezeugen konnte, der sie kannte. Beides gleichzeitig gab es bei ihr nicht.

    Ihr Blick glitt über die Sachen in ihrem Spind und sie steckte ein paar nützliche Dinge ein. Dann nahm sie den Poncho, der im Versteck als Beutel dienen würde und steckte ihn sich in den Rücken.

    Sie horchte in das Schiff. Ohne das ständige Brummen des Antriebs fehlte etwas, fast schon die Seele dieses Schiffs. Da sie jedoch auch ansonsten nichts hörte, ging sie zur Waffenkammer um den kritischsten Teil ihres Plans umzusetzen. Langwaffen konnte sie keine mitnehmen, sollte sie jemand sehen wäre das auffällig und es würde Fragen geben. Aber sie wusste dass die letzten Tage aufgrund der Kontamination des Bereichs als auch des Einsatzstresses so manche Einträge unterblieben waren. Was ihr nun Gelegenheit gab, Material mitzunehmen das sehr nützlich werden könnte. Die Cylonen hatten selber mitbekommen dass es ihre Flakstellung pulverisiert hatte weil die Menge C4 etwas überdimensioniert gewesen war... war sie doch einfach noch mehr... sie öffnete den Koffer und nahm 2 Päckchen Sprengstoff heraus. Ebenso steckte sie 2 Handgranaten ein und etwas Verbandsmaterial, gerade so viel dass ein Fehlen nicht auffallen würde und ihre Taschen nicht ausbeulten. Auch eine Claymore fand den Weg an ihren Bauch, etwas Tape und Schnur, mehr war nicht drin.


    Sie nahm sich eine Flasche Wasser und horchte auf den Gang hinaus, zog dann leise die Tür hinter sich zu. Immer noch alles ruhig. Ihr Herz pochte. Sie versuchte still, aber dennoch absolut unauffällig in den Notausstieg gelangen und hoffte dass sie die Einzige sein würde, die zu so später Stunde noch Luft schnappen und den Sternenhimmel auf diesem schönen Mond genießen wollte. Nalim öffnete die Tür, sog die warme Nachtluft ein und trat hinaus. Sie blickte in den Himmel und trat ein paar Schritte vom Gefechtsstand weg, sehr erleichtert dass sie anscheinend alleine war. Nur mit Mühe konnte sie sich zwingen ein paar Minuten einfach untätig herumzustehen, scheinbar die Luft genießend, etwas Wasser trinkend und in Wahrheit doch versuchend mögliche Beobachter zu hören. Als die Unruhe sie förmlich zu zerreißen begann, schlenderte sie scheinbar ziellos davon. Nalim hatte auch kein Ziel... einfach weg, sich langsam und unauffällig vom Schiff entfernen. Nicht zu weit dass sie Cylonen in den Weg lief oder ihre Abwesenheit zu lang wurde. Weit genug dass das Versteck nicht entdeckt wurde und irgendwann am Tag X geleert werden konnte. In einem Buschdickicht am Fuße eines Abhangs fand sie eine geeignete Stelle, setzte sich unauffällig hin als ob sie eine Pause machen wollte, trank einen Schluck und wickelte dann ihre Sachen in den Poncho. Das kleine Bündel verknotete sie und schob es so weit wie möglich in das Gebüsch. Sie wartete einen Moment, schnürte sich den Stiefel und schlenderte dann betont entspannt zum Schiff zurück. Erst als sie den Niedergang vor dem Mardet erreicht hatte, konnte die Entspannung sie wirklich erreichen. Geschafft, mehr war ihr im Augenblick nicht möglich. Jetzt galt es die nächsten Tage zu überstehen, sich nicht brechen zu lassen, irgendwie am Leben zu bleiben...

  • 079.04857, New Caprica

    (rund drei Wochen nach TC 14)


    Regen.


    Das Zeltdach ist undicht. Das Geräusch, das der untergestellte Eimer bei jedem Tropfen macht, macht es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Draußen hasten Menschen vorbei, um aus der Nässe zu kommen.


    Ich schiebe die Liste mit den durchweichten Ecken weg und versuche nicht daran zu denken, dass ich meine Teeration selbst mit strengster Disziplin nicht auf den Rest des Monats strecken kann. Ich bin müde. Wie von selbst greifen die Hände nach einem neuen Blatt. Die Maschine an meiner Hüfte zischt leise. Leben, sagt sie. Leben. Leben. Leben. Die Cylonen haben sie mir gegeben.


    Die Zeltklappe geht auf. Ich blicke nicht hoch.


    „Aristides.“


    Ich grunze zur Antwort. Sprechen schmerzt, in vielerlei Hinsicht. Die Maschine seufzt vorwurfsvoll, als ich mich aufsetze. Beim Ausatmen vibrieren die dünnen Plastikschläuche, die von dem kleinen Ding zu meiner Nase laufen.



    Einsachtundneunzig, schwer, eine breite orange Fläche, so habe ich Hector Harkness in Erinnerung. Immer orange, erst im Sträflingsoverall auf dem Schürfer Terpsichoré, dann als Deckhand auf der Acheron. Im grauen Drillich wirkt er schmaler. Das Zelt zwingt ihn, den Rücken krumm zu machen, und die drohende Pose, die er einnehmen wollte, verkommt zu einer unfreiwilligen Parodie. Sein nasses Haar tropft auf meine Liste.


    „Hark“, flüstere ich. Es kommt heiser heraus, rauh, und es tut weh. Der heiße Dampf in Iasons Reaktor hat mir Hals, Lunge und Stimmbänder zu einer widerwilligen Masse zerkocht, die mir nur ungern gehorcht.


    „Warum?“ Das Wort bricht aus ihm heraus. Ich höre teilnahmslos zu. Mustere den Schraubenschlüssel in seiner Hand. Es ist ein großer Schraubenschlüssel. Einer von der Sorte, mit der man Leuten Schienbeine bricht.


    Ich schaue ihn an, Müdigkeit gegen Wut. Er sieht zuerst weg. Die Hand mit dem Schlüssel senkt sich.



    „Tidy“. Das ist unfair. Mein Spitzname auf der Terpsie, dem Seelenverkäufer, wo wir gemeinsam unsere Strafe hätten abdienen sollen. Der Name beschwört Kameradschaft, den Schwur, wir würden uns alle gegenseitig beschützen, trotz sadistischen Aufsehern, Knochenarbeit und allen Versuchen des uralten Schiffs, uns umzubringen. Die geplatzte Leitung, die Hector mit den verbrühten Händen von mir weggerissen hat. Den Mikrometeor, der die kleine Mandy in ihrem Quartier hat dekomprimieren lassen. Wir waren Brüder und Schwestern, die aufeinander aufpassten.


    „Warum, Tidy? Du hast uns zusammengehalten. Wir haben überlebt. Warum gibst du auf?“ Er wird lauter, als klug ist, hier in einem Zelt mit dünnen Wänden. „Warum verrätst du uns?“ Der Schraubenschlüssel schwingt hin und her, als sei auch er Teil von seiner ziellosen Wut.



    Ich und die Maschine seufzen gleichzeitig. Ich flüstere schmerzhaft, „Weißt du was, Crewman Harkness? Ich habe niemanden verraten. Omega weiß von uns und dem Schwur und was wir einander bedeuten. Diana hat es ihr gesagt, als die Sicherheit sie mitgenommen hat. Sie hatte immer solche Angst vor den Schmerzen. Wenn Du mit diesem Ding“ - ich deute auf den Schraubenschlüssel - „den falschen Kopf einschlägst, ist Ryback nicht so dumm, das an Dir auszulassen. Die Cylonen sind keine Gefahr für uns. Du bist es.“


    Er starrt mich wütend an, aber hinter seiner Stirn arbeitet es.


    Die Maschine zischt ihn an wie eine wütende Schlange, und ich komme in Fahrt. Das Flüstern reißt mir fast den Hals auf. „Weißt du, ich wollte immer einfach nur leben. Warum ich auf Canceron Drogenkurier wurde? Es gab keine andere Arbeit. Weil da schon überall genau das war, was Omega uns austreiben will. Verbrecher hatten in den Städten das Sagen, hatten die ganze Welt im Griff, und nur ein paar Träumer wie meine Eltern in Lethe haben sich abgesetzt. Zu was für einem Preis? Kein Trideo, kein Kontakt, ein paar armselige Felder, und wenn mal jemand krank wurde, wars das. Du wurdest entweder gesund oder nicht. Warum? Weil sie sich von der Gesellschaft abgewendet haben, und das heißt, sie hatten keinen Arzt. Also ging ich in die Stadt und arbeitete für Verbrecher, weil ich leben wollte und nicht vegetieren.


    Dann kam die Verurteilung und die Strafarbeit auf der Terpsichoré. Wir haben wieder für Verbrecher gearbeitet, nur diesmal welche mit Regierungskontrakt. Du weißt, wie es war, und wenn du jetzt romantisch daran zurückdenkst, lass dir ein paar Sachen ins Gedächtnis rufen. Wir waren Material, das man verheizt hat. Jeremys Zusammenbruch? Wie er auf dem Boden lag, und sie uns ihn haben prügeln lassen? Erinnerst du daran, wie die Mädchen mit den Aufsehern mitgegangen sind, damit sie uns die Luft wieder anstellten? Lanie ist sehr still geworden danach.“



    Meine Stimme ist fast unhörbar geworden, und mein Hals brennt wie Säure. „Und dann die Acheron. Befehl und Gehorsam. Sie haben uns sinnlos quer durch den Spiralarm gepeitscht, ohne irgend ein Ziel. Wenn jemand aufbegehrt hat: Brig, Strafe, Anschreien. Weil sie keinen Widerspruch ertragen haben. Die selben Verbrecher. Ja, ich arbeite jetzt für die Verwaltung. Weil Omega dafür sorgen will, dass den Menschen dieser Mist ausgetrieben wird. Das Ausnutzen, die Vorstellung, dass man Menschen als Material verheizen kann.“


    Ich kann Harkness nicht mehr ansehen. Was ich tun werde, lastet mir auf den Schultern wie das Stück Reaktor, unter dem mich der Marine hervorgezerrt hat.


    „Hark, ich habe nie gelebt. Ich will leben. Es tut mir leid.“


    Der Schraubenschlüssel pendelt unschlüssig hin und her.


    „Sie haben mir dieses Ding gegeben.“ Ich klopfe auf die Maschine. „Ich bin dankbar. Ohne das wäre ich in ein paar Tagen tot. Ich wäre euch da draußen im Wald keine Hilfe.“ Ich hebe die Hand, um Harkness´ Ausbruch zu ersticken. „Ja, ich weiß, was ihr vorhabt. Diana hat es mir gesagt. Denk dran, dass du nicht allein dich gefährdest. Ich versuche, Lanie und Diana und Mort am Leben zu halten. Und Dianas Ungeborenes. Wenn du dich absetzt, sind sie morgen in Rybacks Mangel. Das ist dann auf deinem Gewissen, Hark. Und auf meinem, wenn ich es zulasse. Also lasse ich es nicht zu.“



    Seine Augen sind plötzlich scharf, mit einem Ausdruck, der mir nicht gefällt. Er misst die Entfernung ab, schaut, ob der Tisch zwischen uns ein Hindernis ist. Ich seufze, und die Maschine stimmt ein.


    Hinter mir öffnet sich die Zeltinnenwand. Ein rotes Licht fällt auf Harkness´ Gesicht, wandert nach links, nach rechts, wieder nach links. Ich höre das leise Surren von Servos.



    Ich bin so müde.

    CPL Séan Briar (Scorpia), Team Gold, Colonial Special Forces, Battlestar Acheron

    SPC Aristides Grayme (Canceron), Deckhand, Battlestar Acheron

    PFC Sergei Benjet (Sagittaron), Marine Detachment, Colonial Defender Iason

    CPO Isaiah Virgil Russom (Aquarion), Team Ares-7, New Caprican Special Forces, Intelligence Directorate

    A-386738, Centurion der A-Serie, im Einsatz auf New Caprica

  • 248.04857, Wälder nahe der Iason-Absturzstelle
    (ca. 7 Monate nach Conende)


    Es regnete wieder einmal in Neu Caprica. Regen… Dieser Mond hatte anscheinend Lust daran es den Menschen, die sich hier „angesiedelt“ hatten, schwer zu machen. Es war bereits einige Monate her, seitdem der XO mit einigen freiwilligen der Iason-Crew in den Untergrund abgetaucht war. Sie hatten immer wieder die neue Siedlung beobachtet und die gemischten Patrouillen aus Ares 7, Centurios und übergelaufenen Flottenmitgliedern ausgespäht. Es waren recht einfache Muster hinter den Abläufen. Aufpassen mussten sie eigentlich nur, wenn wieder einmal Lieutenant Ryback mit patrouillierte. Sie verhielt sich schlauer als die anderen und das war gefährlich.


    Ryback… Wenn Tychos den Namen nur hörte, kam ihm schon die Galle hoch. War sie doch mitverantwortlich, am vermeintlichen Tod seiner Frau Skye. In den chaotischen Anfängen Neu Capricas hatte sie sich noch wie immer liebevoll um ihre Patienten gekümmert. Nebenbei hatte sie den Widerstand noch mit Informationen und Medikamenten unterstützen können. Doch vor etwa einem Monat war damit Schluss. Skye flog auf, als sie glaubte in einem unbeobachteten Moment einige Antibiotika an die Seite schaffen zu können. Jedoch hat Ryback das zufällig gesehen und musste es gleich an die große Glocke hängen. Sie hätte es einfach übersehen können, dachte sich Raynor oft, aber nein, sie hat Skye festgenommen und daraufhin ist sie verschwunden. Er wusste nicht, ob sie bereits tot ist oder ob sie immer noch in einem der Internierungslager festgehalten und gefoltert würde. Da Tychos Skye noch immer liebte, wünschte er ihr, dass sie keine Folter ertragen müsse. Andererseits war sie das einzige was ihm geblieben war. Bei dem Genozid haben die beiden bereits ihre Kinder Jim und Sarah verloren. Danach trugen Skye und Tychos immer das gleiche Bild von den beiden Kindern bei sich. Es schmerzte jedes Mal, sie anzusehen. Seitdem hatte Tychos einen unbändigen Hass auf die Zylonen entwickelt. Er würde am liebsten jeden einzelnen Toaster ins Jenseits befördern. Die einzige, die ihn oft davon abgehalten hat, jeden Toaster sofort zu töten - egal ob menschlich oder ein Centurio – war die vernünftigere Skye. Sie wurde ebenfalls von ihrer Trauer zerfressen, allerdings konnte sie den Schmerz besser unterdrücken, als Tychos.


    Wenn Skye es nicht mehr geben würde, wer würde Tychos zurückhalten können?


    In ihm stieg schon wieder der pure Hass empor.


    -


    Heute war Raynor mehr oder weniger auf eigene Faust unterwegs. Sein Sturmgewehr hatte er auf dem Rücken und beobachtete, wie eine Patrouille aus zwei Centurios und einem Ares 7 Soldaten sich zu einem getarnten Häuschen begaben. Hatten die Zylonen hier vielleicht eines ihrer geheimen Waffenlager? Oder wurden hier vielleicht Menschen hin deportiert. Zu der letzten Annahme passte es jedoch nicht, dass es immer ruhig war. Normalerweise lies Omega ihre „fröhlichen“ neuen Siedler doch foltern, wenn sie nicht so spurten, wie sie es gerne hätte.


    Omega… Noch so ein Toaster, den Tychos am liebsten bei der erstbesten Gelegenheit das Licht ausschalten würde. Er hatte bereits die Gelegenheit gehabt, jedoch erinnerte er sich daran, was mit den ganzen Menschen passieren würde, wenn sie nicht mehr da wäre. Vermutlich würden die Centurios alles niedermetzeln. So wie die Zylonen es immer machen… Also hat er nicht abgedrückt, als er die Gelegenheit hatte.


    Er wartete einige Minuten, bis die Patrouille an dem Häuschen vorbei gegangen war. Sie waren auch einmal kurz drin um dort nach dem Rechten zu schauen. Nach ca. 20 Minuten war die Patrouille schon lange außer Sichtweite und Tychos konnte sich ein Bild davon machen, was in diesem Häuschen sein könnte. Vorsichtig näherte er sich. Womöglich gab es noch Fallen oder eine Art Alarmanlage. Er schaute vorsichtig durch ein Fenster und konnte dort einen kleinen Tisch und zwei Stühle sehen, die gegenüber positioniert waren. Als er sich sicher war, dass er keine Fallen oder Alarme auslösen würde, begab er sich ins Innere. Zu seiner Überraschung war das Häuschen fast leer. Es gab zwei kleinere Räume auf der linken Seite des Einganges, einen kleinen Flur und den auf der rechten Seite des Einganges den Raum, den er bereits durch das Fenster gesehen hatte. In einem Raum war eine Zelle. Es war ein Bett, ein Stuhl und ein Topf darin. Letzterer war wohl für die Notdurft gedacht, zumindest stank es erbärmlich, als wäre dieser seit Wochen nicht geleert worden.


    In dem Raum hinter der Zelle befand sich eine Liege mit Riemen zum festschnallen und ein Tisch mit diversem Folterwerkzeug. Hier würden also die Dissidenten dazu „überredet“ Omega zu folgen. Oder sie würden einfach nur qualvoll getötet um andere damit zu brechen. Vielleicht würden hier auch Informationen erlangt. In diesem Augenblick kam Raynor eine Idee. Vielleicht gibt es hier auch Hinweise, die helfen könnten die „Sklaven“ von Neu Caprica von Omegas Joch zu befreien. Er schaute nochmal in den Raum mit dem Tisch und den Stühlen. Er wurde fündig. Ein kleiner Schrank, wie eine Art Nachtschrank stand an der Wand zum Fenster hin. Diesen konnte er von außen kaum gesehen haben können. Er machte ihn auf und fand einige Dokumente darin. Er nahm diese Dokumente, verstaute sie hastig in seinem Rucksack und holte danach noch eine Sprengladung heraus. Es war eine behelfsmäßige Sprengvorrichtung, aber sie tat ihren Zweck. Er platzierte sie so, dass sie maximalen Schaden anrichten würde. Er hoffte, dass sie nicht gefunden würde, ehe er die Möglichkeit gehabt hat, diese gegen diese Toaster und deren Verbündete einzusetzen.


    Als er die Sprengvorrichtung platziert hatte, hörte er ein Geräusch. Vielleicht war es nur ein Tier, aber er sollte sich schnellstmöglich aus dem Staub machen. Er lugte durch die Tür und sah eine weitere Patrouille aus zwei Centurios und zwei Handlangern. Diesmal war kein Ares 7 Soldat dabei. Es schienen zwei Verräter aus der Flotte zu sein. Um dieses Pack würde es ihm auch nicht leid tun, denn sie sind genauso verantwortlich für die Situation, wie Ares 7 und Omega. Sie haben die Menschheit verraten und verdienen mit diesem Hochverrat den Tod.


    Als diese gerade nicht in Richtung der Hütte sahen, konnte er aus dem Häuschen entkommen. Er versteckte sich etwa 50 Meter weiter im Dickicht des Waldes und wartete ab, bis die Patrouille das Häuschen betrat.


    ‚Jetzt‘, dachte er sich und drückte den Zünder.


    Ein lauter Knall war zu hören.


    Der vordere Teil des Häuschens war nicht mehr. Einer der Verräter lag etwa 10 Meter vor dem Haus und der andere hatte die Sprengladung wohl nicht in einem Stück überlebt. Die beiden Centurios, vielmehr deren Überreste lagen/standen noch hinter dem Punkt, wo vorher die Tür war.


    Er schaute an der Leiche des Verräters noch kurz, ob es etwas zu plündern gab, aber bis auf ein volles Ersatzmagazin war nichts brauchbares mehr dabei.


    ‚Das wird einige Zeit dauern, bis hier jemand nachschaut.‘


    Seit langem konnte man bei Tychos ein leichtes Lächeln erkennen. Schade nur, dass niemand da war, der das hätte bezeugen können.


    Zufrieden schlich Tychos zurück zum Lager. Immer darauf bedacht, dass ihm niemand folgt.


    ‚Zwei Toaster und zwei übergelaufene Sklaventreiber weniger‘…

  • 058.04857, Defender Iason (einen Tag nach dem TC 14)


    Das leise Kratzen des Stiftes, welcher hastig über das Papier der Krankenakte glitt war das einzige Geräusch, welches die Stille der Sickbay durchschnitt. Dr. Richard Minden legte den Stift zur Seite und sah auf. Er hätte nie gedacht, dass er das stetige Summen der Iason einmal vermissen würde, aber nun schien die Abwesenheit der Schiffsgeräusche eine geradezu dröhnende Stille zu hinterlassen. Seit man die Marines aus dem Mardet abgezogen und die Waffenkammer geleert hatte, verirrten sich auch nur noch wenige Menschen in diesen Teil des Schiffs.

    Mit gerunzelter Stirn nahm er die Krankenakte, die vor ihm lag zur Hand und überflog er den Vermerk, der er soeben verfasst hatte:


    „...Vergiftungserscheinungen durch Strahlenexposition im bedenklichen Bereich... ...Intravenöse Gabe von 2x500ml Leonian Blue zur Vermeidung weiterer Schäden... ...durch dieaufgenommene Menge an Radioisotopen ist eine massive Beeinträchtigung der Fertilität zu erwarten... ...Bei einer potentiellen Leibesfrucht würden neben einer geringen Überlebenswahrscheinlichkeit starke Fehlbildungen durch die Schädigung des eigenen und des fötalen Genoms zu erwarten sein... ...Mögliche Reproduktion stark risikobehaftet und nicht ratsam.“


    Mit einem Seufzen schloss er die Krankenakte und stellte sie zurück zu den anderen in den Schrank. Einer genaueren Überprüfung würde dies sicher nicht standhalten, aber mehr konnte er in der Kürze der Zeit nicht tun.


    Ziellos wanderte er in den Räumlichkeiten, die er erst vor wenigen Tagen bezogen hatte, hin und her. Sein Blick fiel in den Spiegel links vom Schott. Tiefe Ringe unter den Augen, der Scheitel nicht ordentlich und die die Uniform, die abzulegen noch niemand befohlen hat, müsste auch dringend wieder einmal gebürstet werden. Die letzten Tage hatten auch bei ihm sichtbare Spuren hinterlassen. Die schlaflosen Nächte, in denen er versucht hatte, einen Ausweg aus einer ausweglosen Situation zu finden. Alle Wege waren falsch, und er wusste es. Egal wie er sich entschied, er würde seine fundamentalen moralischen Prinzipien verraten müssen. ...die Wahl zwischen Pest und Cholera...


    Rasch näherkommende Schritte im Gang draußen vor der menschenleeren Sickbay rissen ihn aus seinen Gedanken. Mit einer eher gewohnheitsmäßigen Geste strich er seine Uniform glatt und ging dann hinüber in das Labor um den Injektionspen zu holen, den er in den letzten Stunden vorbereitet hatte. Er hatte eine Entscheidung getroffen und nun würde er diesen Weg auch gehen.


    Die Schritte verklangen und es klopfte am Schott zur Sickbay. „Ich melde mich wie befohlen, 'Sir' “

    Die leicht despektierliche Betonung des Wortes „Sir“ zeigte ihm, dass sich seit ihrem letzten Gespräch keinerlei Einsicht eingestellt hatte. Das schmerzte.


    „Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten, Specialist. Wie ich erfahren habe, waren Sie heute außerhalb der Iason mit Aufgaben betraut? Meinen Sie nicht, dass es in Ihrem Interesse gewesen wäre, sich vorher auf der Sickbay zu melden? Ich höre bis hier, dass sie bereits Probleme mit Ihrer Atmung haben und Sie sollten wissen, wie gefährlich das werden kann.“


    Er bedachte die Specialist vor sich mit einem mahnenden Blick.


    „Natürlich 'Sir'. Danke, dass Sie mich daran erinnern, 'Sir'. Das nächste Mal werde ich bestimmt die Zeit dafür haben....'Sir' “.


    Richard Minden schüttelte mit leichtem Bedauern den Kopf. Nein...wirklich gar keine Einsicht...

    „Nun gut – wie Sie wollen. Machen Sie bitte den Arm frei. Dies wird Ihnen helfen.“


    Das blinde Vertrauen, welches ihm die Specialist entgegen brachte, als sie ohne Zögern oder weitere Nachfrage seinen Anweisungen Folge leistete, traf Richard härter, als er es zugeben würde. Er fing sich jedoch schnell wieder, desinfizierte rasch die Einstichstelle und setzte den Pen an.


    „Wie gehen denn die Vorbereitungen für 'Hades' so voran?“

    fragte er betont beiläufig. Ein kurzes, überraschtes Aufblitzen in den Augen des Specialist: „Sir?“


    Das „Sir“ klang ehrlich und völlig ohne die sonstige Ironie...wusste er es doch. Die Entscheidung war richtig.

    Keine Sorge, Specialist - ich schweige wie ein Grab.“ Er legte der irritiert wirkenden Specialist die Hand auf die Schulter und sah ihr in die Augen. Die Pupillen waren bereits geweitet. Vielleicht noch eine Minute...


    „Das wäre dann alles, Specialist – Sie können sich wieder Ihren Aufgaben widmen. Ich danke Ihnen für den Besuch.“


    Er wandte sich von ihr ab, horchend - abwartend. Die Schritte der Specialist schaffen es nicht bis zum Schott. Sie stockten. Die Dosis war gut berechnet.

    Richard Minden drehte sich rasch um und machte zwei schnelle Schritte nach vorne um den fallenden Körper der Specialist aufzufangen, bevor dieser auf den Boden aufschlug. Vorsichtig trug er die junge Frau nach nebenan auf die Bettenstation und legte sie in eines der Betten.

    Es war bereits alles vorbereitet. Mit ein paar geübten Handgriffen legte er den Zugang für die Infusion und schaltete dann den Patientenmonitor an. Das gleichmäßige, leise Piepsen schien ihn zu beruhigen.


    „Schschsch... Alles wird gut, p ́tite crevette – Alles wird gut...“


    Aus seiner Kitteltasche zog er eine Spritze, dessen Inhalt er grade in den Zugangspunkt des Infusionsbestecks injizierte, als eine Stimme hinter ihm erklang.


    „Guten Abend, Sir?“


    Dr. Cole stand im Türrahmen der Bettenstation und schien genauso überrascht ihn hier zu sehen wie er selbst es war. Coles Blick glitt von der bewusstlosen Person auf dem Bett zu Minden und dann hinab auf die Spritze in dessen Hand.

    „Guten Abend, Dr. Cole“ erwiderte Minden, während er mit völliger Selbstverständlichkeit die letzten Handgriffe zu Ende führte und die Spritze dann wieder in seiner Kitteltasche verschwinden ließ. „Vermisst man Sie um diese Uhrzeit nicht in der Messe?“


    Mindens Stimme war vielleicht etwas schärfer als beabsichtigt. Wie lange hatte Dr. Cole wohl bereits dort gestanden?

    „Ich hatte etwas vergessen...“ Dr. Cole trat an das Bett heran und warf erst einen Blick auf den Patientenmonitor und dann auf die bewusstlose Patientin.

    „Und was ist mit der hier?“

    „Allergischer Schock.“

    Richard antwortete nur knapp, blickte dann aber auf und sah Dr. Cole durchdringend an: „Die geht so schnell nirgendwo hin.“

    Er war sich nicht sicher, ob Dr. Cole die Doppeldeutigkeit seiner Worte wirklich erfasst hatte. Dieser zuckte nur leicht mit den Schultern und wandte sich dann ab.


    Dr. Minden sah Cole noch hinterher, wie dieser die Sickbay verließ und zog sich dann einen der Stühle heran. Mit einem Seufzen setzte er sich so, dass er sowohl den Monitor wie auch die bewusstlose Frau im Blick hatte und lehnte sich dann mit verschränkten Armen zurück. Die nächstenTage würden hart werden...

    Dr. Daniel Jorgensen - Lebensmittelchemiker - CFD Iason

    Sergeant Aidan Thain - Colonial Special Forces - Battlestar Acheron

    Captain Richard Mortimer Minden IV. - Chief Medical Officer - CFD Iason




  • Wenige Wochen nach Okkupation durch Omega, erschienen im Lager folgende Flugblätter:





  • 075.04857 - alte Gewohnheiten

    Octavia zog ihren Parka um sich und sah in den Himmel. Der Himmel war das Beste. Sie hatte sich so viele Monate danach gesehnt, wieder Wolken und Sonne sehen zu können und immer neidvoll zu den Besatzungsmitgliedern geblickt, die zu irgendwelchen Missionen geschickt wurden. Zumindest das war jetzt vorbei. Der Preis allerdings war kaum zu ertragen. Diese verfluchten Cylonen bestimmten ihr Aller Leben. Es war Octavia reichlich egal, ob es nun Nummern oder Buchstaben oder sonstwas waren. Es waren Cylonen!


    Skenes blieb stehen und atmete durch. Die Besatzer sahen es nicht gern, wenn man zornentbrannt auf das Administrationsgebäude zulief. Die zierliche Frau schluckte ihren Zorn hinunter und fingerte nach ihrem Ausweis. Natürlich hatten sie ihr ein passendes „Angebot“ gemacht. Arbeit in der Administration, Verteilung von Gütern, Termine und erstaunlich viele Formulare. Es hatte sich also wenig geändert, nur dass sie nun bei jedem Schritt beobachtet wurde und dass es sehr schmerzhaft enden konnte, wenn man eine Entscheidung vorweg nahm. Sie hatte sich gefügt und führte seitdem genau das aus, was man ihr auftrug. Sie hatte nicht vor, nur einen Handschlag mehr für die Cylonen und deren menschliche Handlanger zu tun, als unbedingt nötig.

    „Stehen bleiben!“, riss sie ein barscher Befehl aus den Gedanken. Skenes seufzte. Jeden Tag das gleiche erbärmliche Spiel. Sie hatte schon beim ersten Mal verstanden, dass das ein Lehrstück war, um den Beherrschten ihre Stellung klarzumachen. Sie blieb stehen und hob die Hände, damit der Omega-Idiot sehen konnte, dass sich darin nichts als der Ausweis mit ihrer Kennnummer darauf befand.


    „Identifizieren Sie sich!“, bellte der Mann den nächsten Befehl.


    „177150, Skenes, Octavia, Chief Petty Officer, Colonial Forces“, gab sie, immer noch viel zu wütend, von sich. Der Schlag in ihren Rücken ließ sie nach vorn taumeln.


    „Es gibt keine Colonial Forces!“, belehrte sie der Wachmann, während er sich vor Skenes aufbaute und sie musterte. Octavia starrte ihn an. Sie wusste, dass sie jedesmal das Spiel verlieren würde und fragte sich, warum sie es dabei nicht belassen konnte.


    „Alte Gewohnheiten, tut mir leid“, log sie. „Skenes 15837“


    Dieser Widerling nickte und steckte seinen Schlagstock wieder hinter seinen Gürtel. Mit einer knappen Geste winkte er Octavia durch den Checkpoint.

    Der Ablauf war immer derselbe. Skenes betrat einen großen Raum und wartete vor einem Schreibtisch auf ihre Arbeitsanweisungen. Sie versuchte, den Cylonen, der zumeist reglos in einer Ecke stand, zu ignorieren. Es gelang ihr nie. Dieses beständige Surren und der rote Schein, der irgendwo aus den Tiefen der Maschine kam, erinnerten sie an ihre früheren Begegnungen mit Cylonen. Sie waren alle schmerzhaft gewesen und sie war jedesmal verwundet geworden. Octavia dachte an dieWarriors Medal, die LTCL Sellars ihr in einer sehr kleinen Zeremonie verliehen hatte. Die Omega-Kollaborateure hatten sie bislang nicht gefunden. Es war einer dieser kleinen Siege, die die Besatzer ihr nicht nehmen konnten. Skenes lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das hier und jetzt und bemühte sich, nicht zu lächeln, während der Mann mit der Omega-Binde am Arm seine Papiere durchsuchte. Auch das gehörte zum Spiel. Warten. Also wartete sie und nahm schließlich stoisch die ihr zugeteilten Unterlagen entgegen.


    Sie setzte sich an einen der Tische im Raum und sah sich die Papiere durch. Versorgungslisten, wie so häufig. Octavia passte einige der Zahlen an. Sie achtete peinlich genau darauf, jede Anpassung mit einer Begründung zu versehen. Sie hatte gelernt, dass es nicht einmal darauf ankam, ob die Begründung korrekt war. Es kam nur darauf an, die Regeln einzuhalten: eine Änderung der Rationen musste eben begründet werden und dann von einem der Omega-Leute bestätigt werden. Keiner von denen hatte einen Überblick. Skenes nahm an, dass man sie deshalb in die Verwaltung geholt hatte. Niemand hatte Lust, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen und Skenes wirkte harmlos genug, dass man ihr diese Aufgabe zuwies. Es war ihr nur recht.


    Sellars war diese Woche wieder einmal zum „Gespräch“ geholt worden. Sie suchten noch immer nach dem Verfasser der Pamphlete, aber außer dem Pseudonym „Themis“ hatten sie nichts. Sie glaubten, dass Sellars etwas wusste. Skenes war sich sicher, dass der Commander nichts preis geben würde, selbst wenn sie etwas wusste. Sie wusste allerdings auch, dass Sellars für ihr Schweigen einen Preis zahlen musste.

    Octavia änderte die Zuteilung von medizinischen Gütern zugunsten des Destrikts, in dem der Commander lebte. Sie würde es brauchen und natürlich setzte sie ihren eigenen Namen und ihre verhasste Omega-ID in die Zeile für den Auslieferer. Es klappte nicht immer, aber meistens ließen die Omega-Leute sie gewähren. Octavia wurde zunehmend klar, dass es Vorteile hatte ein „Schatten“ oder ein „treu folgender Hund“ zu sein. So konnte sie das bestmögliche tun. Vielleicht sollte sie beizeiten Hayes oder Nalim davon berichten. Sie verwarf den Gedanken wieder. Sie hatte keine Ahnung wo sie waren und sie wollte es auch nicht wissen. Wissen konnte in diesen Tagen gefährlich sein, zumal nicht zuletzt Ryback und ihre Leute die Crew viel zu gut kannten, es würde schwer sein, eine Lüge aufrecht zu erhalten.


    Am Ende tat Skenes, was alle von ihr erwarteten. Sie nahm sich eine Liste und ging zielstrebig los. Sie hatte festgestellt, dass sie sich auf diese Art erstaunlich gut im Lager bewegen konnte und hatte vor, das auch zu nutzen...

  • 079.04857 - Regen


    -New Caprica-


    Regen. Nichts als Regen.

    Wie ein nicht enden wollendes Stakkato trommelten die Regentropfen auf die Blätter und den Boden. Der Himmel war grau und es sah aus als trauere er mit den Menschen ob ihres grausamen Schicksals.

    Yacovelli lag schon seit Stunden auf einem Beobachter Posten. Nachdem der Widerstand sich eingerichtet und einigermaßen orientiert und sortiert hatte waren Informationen jetzt das wichtigste. In die Siedlungen konnte man nicht immer gehen, vor allem dann nicht, wenn Omegas Leute in zu großer Zahl dort waren. Ein Informant hatte die Info weitergegeben, dass man beabsichtige eine Aktion in der Siedlung durchzuführen in der Sellars und die meisten Besatzungsmitglieder der Iason sich aufhielten. Yacovellis Auftrag war klar, beobachten. Und so lag er unter einer Plane ein Stück unterhalb einer Anhöhe im Unterholz und sah durch sein Fernglas. Seine Stimmung war durch den Regen nicht besser. Knapp 3 Wochen und doch schon so weit weg waren die Ereignisse die zu all dem hier geführt hatten. Wenn er sich zurückerinnerte, dann kam er sich oft vor als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Er fragte sich welche Welt nun Real war, welche die erstrebenswertere. Die in der er bis vor kurzem noch gelebt hatte oder die in der er sich jetzt befand.

    Diese Welt hätte schön sein können. So wie Omega sie erst beschrieb hätte sie das Zeug dazu gehabt, so aber, so wie sie jetzt war, war sie ein Albtraum. Es zerriss Yacovelli das Herz. Schon in den wenigen Tagen die seitdem vergangen waren musste er mit ansehen wie Freundschaften zerbrachen, wie Menschen die sich vorher gut verstanden sich jetzt auf verschiedenen Seiten wiederfanden und die mehr als je zuvor und mit tiefem Hass bereit waren sich gegenseitig umzubringen.

    Er hatte es schon bei vielen gesehen und auch an ihm war die eigentlich nur kurze Zeit nicht spurlos vorüber gegangen.

    Regen...


    Eines der gelandeten Schiffe war inzwischen als provisorisches Hauptquartier der New Caprica Security eingerichtet worden. Aus dessen Richtung kommend ging Ryback zielstrebig auf das Zentrum der mittlerweile recht großen Zeltstadt zu, wobei ihr wie üblich zwei Centurios mit etwas Abstand folgten. Sie schien es trotz des Regens erst einmal nicht allzu eilig zu haben, beschleunigte aber ihre Schritte, nachdem sie vermutlich darauf aufmerksam geworden war, was sich auf der anderen Seite des freien Platzes in der Mitte der Siedlung abspielte. Ein paar Soldaten, angeführt vom Ares Sieben Lieutenant, bezogen gerade Aufstellung vor dem Zelt, in dem Dr. Hayes und Sellars untergebracht worden waren. Auf einen Wink der Lieutenant hin drängte einer der Soldaten gerade grob Sellars beiseite, die sich schützend zwischen eine offensichtlich mehr als nur ein wenig verängstigte Doc Hayes und die Ares-Soldatin gestellt hatte.


    Yacovelli lag da schon seit Stunden auf seinem Posten. Bis vor ein paar Minuten war nichts Außergewöhnliches passiert. Vor ein paar Minuten allerdings konnte er sehen wie ein paar Soldaten geschlossen zu einem der Zelte gingen. Durch vorherige Aufklärungsarbeit wusste Yacovelli von den meisten Zelten und Schiffen in der Siedlung von wem sie bewohnt oder genutzt wurden. So auch von diesem.


    "Sellars also, mal wieder. Die Jungs können es aber auch echt nicht lassen" dachte er und begann genau zu beobachten. Er konnte sehen, dass sich einer der Soldaten, er schien der Anführer der Gruppe zu sein ein paar Meter von der Gruppe entfernte. Er konnte nicht hören was gesprochen wurde, aber dafür umso besser sehen was passierte. Während sich die Soldaten vor dem Zelt aufbauten ging der vermeintliche Anführer der Gruppe, der weibliche Lieutenant der Ares-7 Einheit, in das Zelt. Kurz drauf kamen der Lt. Colonel und Dr. Hayes aus dem Zelt und es entwickelte sich ein Gespräch. Yacovelli sah noch wie Sellars sich schützend vor Hayes stellte und musste hilflos zusehen wie sie kurz darauf von einem der herbeigerufenen Soldaten grob zur Seite gestoßen wurde. Kaleb, LT, Kaleb, das war ihr Name. Diesen Namen würde er so schnell nicht vergessen. Noch weniger würde er vergessen was er hier tatenlos mit ansehen musste.

    Kalte Wut stieg in Yacovelli hoch. Omegas gerechte Welt. Ein Albtraum für jeden der auch nur ein bisschen anders ist.

    Es war schlimm genug gewesen, dass er sich nicht für die Crew der Iason als Opfer für Omega zur Verfügung stellen konnte, jetzt hilflos dabei zusehen zu müssen wie seine Kammeraden, seine Vorgesetzten und Freunde schikaniert und misshandelt wurden schmerzte tief. Noch tiefer schmerzte allerdings, die Tatsache, dass er und Menschen denen er vertraut hatte und die er als Freunde sah jetzt auf verschiedenen Seiten standen. Wenn er könnte er würde Omega und ihre Schergen mit allem bekämpfen was er hatte, bis zu den Nägeln seiner Finger und den Spitzen seiner Zähne, wenn es sein musste. Aber es würde ihm das Herz brechen bei jedem den er kannte.


    Er legte das Fernglas ab und nahm das Visier seines Gewehres zur Hand. Hierdurch ließ es sich besser beobachten. Er war gerade dabei die Spitze des Fadenkreuzes auf die Nasenspitze des Leutnants zu setzen als etwas passierte. Einer der Soldaten ergriff die ehemalige JAG bei den Schultern und zwang sie, sich auf eine Kiste zu setzen. Die Lieutenant zog derweil ihr Kampfmesser und drehte es demonstrativ in Händen. Sie sagte auch irgendetwas in der Ferne unverständliches, aber schon beim bloßen Anblick des Messers riss sich Doc Hayes von dem Soldaten los. Die blanke Panik stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie versuchte, rückwärts in das Zelt zu flüchten. Doc Hayes stolperte über die Kiste, auf der sie gerade noch gesessen hatte, und fiel zu Boden. Sellars überrumpelte den wohl ziemlich von ihrer plötzlichen Gegenwehr überraschten Mann, der sie bewachen hätte sollen, und versuchte ein zweites Mal, sich zwischen Hayes und den Lieutenant zu stellen. Leider reagierte Keleb deutlich zu schnell, duckte sich an dem ehemaligen Commander vorbei und setzte der schlagartig zu völlig erstarrten Hayes die Klinge an die Kehle. Sellars blieb nichts anderes übrig, als wieder zurückzutreten.


    Yacovelli konnte die ganze groteske Szene aus der Ferne nur hilflos mit ansehen. Hätte er jetzt geschossen dann würde man nicht nur wissen, dass sie beobachtet wurden, sie würden auch wieder wesentlich vorsichtiger werden. So konnte er nichts tun als diesem Schmierenstück zuzusehen und Kaleb dabei über das Zielfernrohr seiner Waffe anzustarren. Irgendwann, nicht heute, aber irgendwann würde er sie ohne die Zenturios treffen, nur sie und er würde sich bis dahin alles merken, was sie diesen Menschen antat, sie und ihre Schergen.

    Spezialeinheit hin oder her, Menschen. Es sind nur Menschen. Menschen......

    Niemals wollte er wieder einen anderen Menschen töten. Deswegen war er von den Special Forces in den Militärpolizeidienst gewechselt, aber nun musste er töten. Er konnte es und er konnte es gut, auch wenn er es zutiefst verabscheute. Vor ein paar Tagen war er gezwungen gewesen einen von Omegas Soldaten zu töten. Einen Mann den er glücklicherweise nicht gekannt noch gesehen hatte. Er hatte sich von hinten angeschlichen, ihm mit der einen Hand Mund und Nase zugehalten und mit der anderen gezielt zugestochen. Sein Opfer hatte keine Chance, es war in dem Moment dem Tode geweiht als Raymond sich angeschlichen hatte. Er hatte noch bildlich vor sich wie der Körper des Mannes sich ein letztes Mal aufbäumte, alle Kraftreserven mobilisierte um das unvermeidliche doch noch abzuwenden. Man konnte spüren wann das Leben den Körper verließ und nur noch eine leere Hülle zurück ließ. Ein schrecklicher Moment, einer den er nie vergessen würde.


    Er nahm kurz den Blick vom Geschehen und sah auf seine Hände. Es war als könne er das Blut das daran war immer noch sehen, als hätte er immer noch diesen leeren gebrochenen Blick des Toten vor sich. Er hatte ihn damals hastig durchsucht und im Wald vergraben. Niemand außer ihm wusste wo und er würde nie ein anständiges Grab haben. Wenn er Familie hatte würde sie nie wissen was mit ihm passiert war und wo er zur letzten Ruhe gebettet lag.

    Er hasste sich dafür.

    Er sah wieder durch das Zielfernrohr. Nur ein kurzes krümmen des Fingers, Kaleb würde in dem Moment tot sein in dem der Schuss brauch und sie würde den Knall nicht einmal mehr hören. Sie wäre tot bevor sie ganz zu Boden gefallen wäre. Er fand Gefallen an der Vorstellung und justierte das Zielfernrohr zwei Klicks nach....


    Ryback hatte soeben endlich den Platz überquert, rempelte einen der Soldaten aus dem Gefolge des anderen Lieutenants beiseite und raunzte Keleb an. Was sie sagte, war für den weit entfernten Beobachter natürlich unverständlich, aber dass sie ernsthaft verärgert war, dürfte klar erkennbar sein. Die Marine blieb mit verschränkten Armen stehen und starrte Keleb an, als wolle sie ihr gerade liebend gern das eigene Messer in die Brust rammen. Die beiden Lieutenants lieferten sich noch einen Moment länger ein Blickduell, dann zog die Ares-Soldatin mit verächtlichem Schnauben die Klinge zurück. Doc Hayes floh sofort zu Sellars und versteckte sich förmlich hinter ihr. Ein weiterer Wortwechsel zwischen Ryback und Keleb folgte, wobei erstere wütend gestikulierte, während letztere kaum eine Mine verzog und zum sichtlichen Missfallen Rybacks sehr gelassen blieb. Letztlich wandte die Ares-Lieutenant sich zum Gehen und schnipste mit den Fingern, worauf ihr Trupp sich ebenfalls zurückzog.


    Raymond hielt einen Moment inne. Gerade eben sah er wie Ryback in die Szenerie stürmte. Sofort war seine Aufmerksamkeit die eben noch etwas nachgelassen hatte wieder voll da. Die nasse Kälte war vergessen, der Regen war vergessen, die Müdigkeit war vergessen. Seine Welt fokussierte sich auf diesen einen Punkt ein paar hundert Meter vor ihm. Ryback. Er wusste immer noch nicht so recht was er mit der Situation anfangen sollte. Würde er den Auftrag bekommen, er wusste nicht was dann passieren würde, wahrscheinlich würde er ihn ausführen.


    Das Fadenkreuz seines Zielfernrohrs wanderte, von Kalebs Nasenspitze zur Ryback. Vorerst beobachtete er nur, aber es war seltsam gerade sie im Fadenkreuz zu haben, wie ein dunkler Vorbote dessen was noch alles kommen mochte. Denn egal ob er es nun wollte oder nicht, sie standen jetzt auf verschiedenen Seiten. Auch wenn er ihre Beweggründe verstehen konnte, sie arbeitete jetzt für Omega und Yacovelli wusste wie sehr es auch gute Menschen korrumpieren konnte in der Nähe von Irren wie Kaleb und Meinhard zu sein. Er wusste, dass es sie genau so verändern würde, wie das ganze ihn veränderte.


    Er sah wie Kaleb abzog und wartete gespannt was weiter passieren würde. Ryback blieb stehen, bis die andere Lieutenant zwischen der nächsten Zeltreihe verschwunden war, dann drehte sie sich zu Sellars um und gab dieser einen knappen Befehl. Der Gesichtsausdruck des ehemaligen Commanders drückte erst Überraschung aus, dann Resignation. Sellars hielt noch immer Doc Hayes' Hand und versuchte offenbar, die völlig aufgelöste und inzwischen weinende Anwältin zu beruhigen, während Ryback erstaunlich geduldig wartete. Sobald Sellars sich verabschiedet hatte, ergriff die Lieutenant sie am Arm knapp über dem Ellbogen und führte sie in Richtung des Security-Postens ab.

    All die Zeit wusste Ryback nicht, dass die Grenze zwischen Leben und Tod nur einige Millimeter betrug. Das Fadenkreuz folgte ihr bis sie außer Sichtweite war.

    Noch lange starrte Yacovelli durch die Optik bevor er sich daran machte ein kleines Notizbuch herauszuholen und etwas darin zu notieren.

    Stunden später, es dämmerte inzwischen schon, kam Sellars zurück. Sie ging langsam, stütze sich schwer auf Skenes und man sah ihr an, dass jeder Schritt und jede Bewegung mit Schmerzen verbunden war. Sobald die beiden Frauen sich dem Platz näherten, richtete Sellars sich mit einiger Anstrengung auf und ging alleine weiter, auch wenn Skenes sicherheitshalber weiter an ihrer Seite blieb. Die Spuren des Verhörs sprachen eine deutliche Sprache; die Lippen des ehemaligen Commanders waren blutig und aufgerissen, ein Auge fast zugeschwollen, diverse Prellungen verfärbten sich bereits bläulich-violett. Vor dem Zelt nahm Doc Hayes sie in Empfang und begleitete sie ins Innere.


    Yacovelli war müde, so müde. Er hätte am liebsten ein paar Stunden geschlafen. Aber das konnte in dieser Gegend ganz schnell Gefangenschaft bedeuten und dann würde Captain Hayes ohne die Infos auskommen müssen. Er drehte also den Kopf langsam hin und her um einige Verspannungen im Nacken zu lösen. Er sah wieder durch sein Zielfernrohr und Bewegung. Er justierte die Optik schnell und sah Skenes und Sellars. Er konnte nicht alles sehen, aber er sah das Sellars verletzt war und eine unbändige Wut stieg in ihm auf die alle Müdigkeit, alle Erschöpfung, Kälte und Nässe vergessen ließen. Das musste Ryback getan haben, Ryback der er vertraut hatte wie keinem anderen Menschen in der Flotte. Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Und glaubte sie ernsthaft damit etwas Gutes bewirken zu können? Auf Dauer würde der CO das gesundheitlich nicht verkraften, was dann?


    Wie sollte das ganze weitergehen und wie würde das ganze enden.


    Nachdem Raymond sah wie sie vor ihrem Zelt von Doktor Hayes in Empfang genommen uns ins Zelt gebracht wurde und sich erst einmal nichts mehr tat legte er die Waffe über deren Optik er die ganze Zeit gesehen hatte vorsichtig und langsam beiseite. Er holte ein kleines Büchlein aus seiner Brusttasche, legte es auf die Schulterstütze seiner Waffe und schrieb:


    "Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen ist, es müssen wohl so um die drei Wochen sein, auch wenn es mir vorkommt wie ein ganzes Leben. So viel ist passiert und so viel hat sich geändert. Ich hätte nie im Traum gedacht, dass so viele Menschen sich so schnell verändern. Omegas Herrschaft dauert noch nicht lange aber sie bringt jetzt schon das schlechteste in uns allen hervor. Hass, Neid, Missgunst. Am schlimmsten ist dieses Gefühl der Untätigkeit, hier zu sitzen und zusehen zu müssen wie Freunde von Freunden gefoltert und misshandelt werden. Wie Menschen in Todesangst leben müssen, ausgebeutet und schikaniert werden. Alles in mir möchte am liebsten sofort dorthin stürmen und diesen Menschen helfen. Aber wir sind alle Gefangene auf diesem Planeten. Ich weiß wirklich nicht wie lange das noch gut geht. Ich hoffe sehr, dass sich die Dinge wieder ändern, auch wenn ich fürchte, dass nichts mehr so sein wird wie es war, wir eingeschlossen. Der Tag war regnerisch, fast so als würde er ob der Tragödie die wir alle spielen zu Tränen gerührt. Ich fühle mich so wütend, so unglaublich wütend und doch ist da immer der Wunsch danach, dass es bald vorbei ist. Ich weiß das ist feige und meinen Kammeraden die sich auf mich verlassen gegenüber unfair, aber es macht auch so unendlich müde. In ein paar Stunden kann ich meinen Beobachtungsposten verlassen und nach erfolgter Meldung habe ich hoffentlich etwas Zeit die Schuld und Wut herunterzuspielen und danach etwas zu schlafen."


    Er klappte das Buch wieder zu und verstaute es in seiner Brusttasche und sag sich vorsichtig in der näheren Umgebung um.

    Als nichts mehr zu sehen war, prüfte er noch einmal sorgfältig seine nähere Umgebung und bewegte sich langsam aus seiner Beobachtungsstellung. Sehr darauf bedacht keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Er überdeckte den plattgelegenen Bereich mit frischen Ästen, passte darauf auf keine Äste zu brechen und abzuknicken und machte sich dann auf einem anderen Weg als der auf dem er sich angeschlichen hatte zurück zum Basis Lager um dort Bericht zu erstatten.

  • 058.04857, Defender Iason

    (Ein Tag nach TC 14)


    Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben und das Gesicht missmutig verzogen ging Doktor Gideon Cole durch die leeren Gänge der Iason und haderte, wie schon fast den ganzen Tag, mit sich selbst. Wie war er nur in diese verfrakkte Scheiße hineingeraten? Vor zwei Tagen, als das mit dieser verdammten Liste gewesen war, hatte er CPT Hayes zugesagt ihm bei seinem Wiederstand gegen Omega zu helfen. Das war noch, als sich Freunde von ihm auf die Liste geschrieben hatten und er, wie alle anderen auch, dachte er würde sie nie wiedersehen. Er hatte Rache gewollt und war, wie so oft, angetrunken gewesen. Er bräuchte ihn, hatte Hayes gesagt und das Codewort genannt, welches den Widerstand einleiten würde und Gideon hatte ihm seine Mitarbeit zugesichert. Als dann die „Verschleppten“ wieder zurückkehrten, dachte er der Widerstand hätte sich erledigt, aus und vorbei, es war wieder alles beim Alten, nur auf dem Planeten statt im Schiff halt. „Und ohne Birdie“ ging ihm durch den Kopf, was ihm einen Stich versetzte.


    Aber heute Morgen kam dann die Ernüchterung. Zuerst meldete sich Specialist Bennett bei ihm und nannte ihm das Codewort für den Widerstand, dann kam nicht lange danach Hayes persönlich auf ihn zu und unterrichtete ihn von seinem Plan. Gideon war nicht gerade begeistert, traute sich aber nicht, Robert eine direkte Absage zu erteilen. Seine Hoffnung, dass Victoria Rogers mit Hayes reden könnte hatte sich dann auch bald zerschlagen. Statt Hayes zu sagen, dass er auf Cole verzichten solle, hatte auch sie Cole gebeten sich dem Wiederstand anzuschließen. Der Wiederstand „wäre auf seine medizinischen Kenntnisse angewiesen“ und „schließlich sind auch Freunde von dir dabei“. So war er jetzt also drauf und dran zum Wiederstand zu gehen, obwohl Alles in ihm sich dagegen sträubte. Schöner Mist. Noch heute Abend würde er die Iason verlassen, mit Robert Hayes zusammen in der letzten Gruppe.


    Die meiste Zeit des Tages hatte er dann damit verbracht, medizinische Vorräte und Geräte in den Lagern der Iason zu suchen und zu kennzeichnen, damit die anderen Mitglieder des Wiederstandes sie abtransportieren konnten. Sie sollten eine gute Grundlage zur Verfügung haben. Jetzt fehlten nur noch ein paar Dinge, die er direkt von der Sickbay holen wollte. Um diese Zeit sollte sich niemand mehr dort aufhalten um seine Pläne zu stören.


    Dachte er zumindest. Als er die Krankenstation betrat, sah er Dr. Richard Minden in der Bettenstation stehen und etwas auf leonisch vor sich hinmurmeln während er eine Spritze in einen Infusionsschlauch entleerte. Neugierig geworden trat Cole an die Tür der Bettenstation.

    „Guten Abend, Sir?“ sagte er, während er schaute, wer im Bett vor Minden lag. „Guten Abend, Dr. Cole.“ antwortete Minden und klang dabei irgendwie gereizt. Die bewusstlose Frau, die im Bett lag kannte Cole, auch wenn sie neu war. „Vermisst man Sie um diese Uhrzeit nicht in der Messe?“ setzte Minden nach, nun eindeutig gereizt. Die implizierte Beleidigung hätte mehr geschmerzt, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. „Ich hatte etwas vergessen…“ sagte Cole abwesend, während er an das Bett herantrat und einen Blick auf den Patientenmonitor warf. „Und was ist mit der?“ fragte er. Minden Antwort kam kurz und knapp: „Allergischer Schock.“ sagte er. „Die geht erstmal nirgendwo hin.“ Da er die Akte der Patientin kannte, wusste Cole, dass ein allergischer Schock eine gute Erklärung war, aber das passte nicht zu den Daten auf dem Monitor. Er sah Minden an, der wiederum Cole durchdringend anstarrte. Irgend etwas stimmte hier nicht, Mindens Verhalten war verdächtig und was er sagte, passte nicht zu dem, was Cole sah. Kurz überlegte Cole, ob er etwas sagen sollte, aber die Zeit drängte. Also sagte er nichts mehr, sondern zuckte nur mit den Schultern und verließ die Krankenstation. Er musste noch einige Medikamente holen, die er eigentlich von der Sickbay mitnehmen wollte. Nun musste er dafür ein weiteres Lager aufsuchen. Dann würde er sich mit Hayes treffen und einer „aufregenden“ Zeit im Wiederstand entgegen gehen. Wo er Aufregung doch so „liebte“, ganz zu schweigen von „draußen im Wald“ und „Menschen“ im allgemeinen. Ein tiefes Seufzen entfuhr ihm, während er die Hände erneut in die Manteltaschen schob.